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Verstecktes Paradies ganz nah

Govelin: Von Feuerlilien, erschwerter Landwirtschaft und Reichtum

rs Govelin. Viele, die auf der B 216 durch Metzingen fahren, ahnen vermutlich noch nicht einmal, welch ein Kleinod sich nur wenige Kilometer abseits der vielbefahrenen Straße in nördlicher Richtung befindet – eines, das man nur zu Fuß oder per Rad erkunden sollte, um mit etwas Zeit im Gepäck die Besonderheiten zu erkennen: In einer Ausbuchtung der Hohen Geest des Drawehn liegt in einer Art Trockental das Dorf Govelin. Zwischen End-moränenkuppen leben dort in neun Häusern ganze vier Menschen. Alleine drei davon zählt die Landwirtsfamilie Bergmann, deren Mitglieder – Harry und Christel Bergmann mit Tochter Stefanie – profundes Wissen über Geschichte und Gegenwart des malerisch gelegenen Weilers und der jeweiligen Bewohner vermitteln können – ein Mikrokosmos, in dem sich seltene Pflanzen und Tiere tummeln. Man sieht etwa Ortolane, Heide- und Feldlerchen, die über Lämmersalat, Ferkelkraut und Krummhals kreisen.

Zusätzliche Informationen liefert an diesem Tag der Niederländer Fred Bos, der seit 2007 jährlich die Bergmanns besucht. Neben der mittlerweile entstandenen Freundschaft zu seiner Gastfamilie lässt ihn vor allem das einzigartige Vorkommen von Acker-Feuerlilien, auch Feldlilien genannt, nach Govelin reisen. Denn dort gibt es das größte nordeuropäische Vorkommen der meist zwischen 20 bis 90 Zentimeter hohen Blume, die nach der letzten Eiszeit mit den jungsteinzeitlichen Ackerbauern aus Süd-Osteuropa ins Wendland kam und seitdem bis zum Aufkommen der modernen Landwirtschaft in der Region heimisch war.

„Eigentlich wollte ich schon einen Nachruf auf die Feld-lilie schreiben, denn eine der prächtigsten Wildblumen war bis auf wenige Rudimente ausgestorben“, erinnert sich Fred Bos an das Jahr 2007. Denn die einst auf Trockenäckern weit verbreitete Feuerlilie ist heute fast nur noch in Gärten zu finden. „Sie gehört zu den stark bedrohten Pflanzenarten und kann nur bei extensiver Bewirtschaftung überleben“, erläutert Bos, der seit seiner Jugend über die Feldlilie forscht. „Die Acker-Feuerlilie ist auf nährstoffarme Standorte wie unseren spezialisiert“, informiert Harry Bergmann, der seinen Betrieb aus 75 Hektar Ackerfläche und 80 Hektar Wald mittlerweile an seine Tochter Stefanie abgegeben hat, die diesen im Nebenerwerb bewirtschaftet, entschloss sich früh, zwar zu eggen, pfügen, säen und ernten. Aber die Arbeitsschritte Düngen und Gift spritzen ließ er aus – bis heute. Bewusst. Denn das Anliegen der Bergmanns ist es, die aussterbende Ackerbegleitflora zu erhalten. Und dies ist ihnen gelungen. Auch, weil Bos und die CDU-Landtagsabgeordnete Karin Bertholdes-Sandrock vor über einem Jahrzehnt den niedersächsischen Umweltminister Hans-Heinrich Sander überzeugen konnten, das einzigartige Biotop durch die Gewährung von Finanzmitteln zu erhalten.

„Wir haben hier eine etwa 1000-jährige Roggenkultur“, sagt Christel Bergmann. „Im Mittelalter war dies Heideland, das in Fünffelderwirtschaft bearbeitet wurde. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts konnte man den Ertrag durch Düngung verbessern“, weiß Harry Bergmann, dessen Familie mit Stolz auf die Geschichte des Hofes, der 1448 erstmals urkundlich erwähnt wird sowie auf die seiner Famile – 1859 hat der erste mit dem Namen Bergmann eingeheiratet – zurückblickt. Früher habe man an der Post-strecke Gartow-Lüneburg gelegen, hatte eine eigene Verwaltung, sein Hof sei Poststation gewesen. Deshalb hatte man über Jahre auch das einzige Telefon im Ort. Wer mehr erfahren möchte, dem empfiehlt Harry Bergmann die Lektüre von Otto Puffahrts Ortschronik. Letzterer hat übrigens Wurzeln in Govelin.

Nach einem Rundgang durch den Steinlehrgarten, den ein Freud von Bos anlässlich der Feldlilientage, die nicht mehr veranstaltet werden – auch, weil die Förderung dafür entfiel, eingerichtet hatte, ging es zum rund 4,4 Kilometer langen Feldlilienpfad, der viel Wissenwertes zur Wildblume bietet. Imposant und in großer Zahl zeigten sich dabei die Ackerblumen, die in der Kunst für Leidenschaft, Stärke und Aktivität stehen, aber derzeit am Abblühen sind. Führungen seien auf Anfrage weiter möglich, informiert Stefanie Bergmann.

Ronald Seide

Redaktion Kiebitz 05841/127 420 seide@ejz.de

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