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Wenn Papierfiguren lebendig werden

 

Das Papiertheater ist ein Kind der Romantik. Es ist eine faszinierende Welt in klein, die Bühnen im Miniaturformat haben eine lange Geschichte. In Deutschland wird es lediglich von einer Hand voll Enthusiasten am Leben erhalten. Eine davon ist Gisa Naumann-Namba, eine Lüchowerin, die den Großteil ihres Lebens in Japan, China und Südkorea verbracht hat. Im Keller ihres Elternhauses betreibt sie das Papiertheater Tschaya. „Tschaya“ ist japanisch und bedeutet Teehaus. In vielen Ländern dieser Welt gibt es Teehäuser, Tee- oder Kaffee-Stuben. Dort kommt man miteinander ins Gespräch, dort werden Geschichten erzählt, dort erfährt man, was in der Welt so alles möglich ist.“

Auch Tschaya, das kleine Teehaus im Herzen Lüchows, hat viel zu erzählen. Da es wirklich klein ist, können nur bis zu 18 Zuschauer das Geschehen auf der Bühne verfolgen. Wie kommt die Mutter einer Tochter und Großmutter zweier Enkel, die in Hessen leben, dazu, im Keller ihres Elternhauses in Lüchow die kleinste Bühne der Region zu betreiben, mit regelmäßigen Auftritten? „Schuld daran ist Gertrud Hempel“, lacht Naumann-Namba: Mit der legendären Märchenerzählerin aus dem Wendland verband sie eine enge Freundschaft. „Wir fuhren zu einem Märchenkongress nach Potsdam“, erinnert sich die Lüchowerin, die damals in Frankfurt lebte. Im Programm wurde auch ein Workshop „Papiertheater“ angeboten. Nanu? „Ich fand das toll, tauchte aber versehentlich einen Tag zu spät auf. In der Ecke stand eine kleine Bühne mit lauter Stäben dran. Da ich erst am zweiten Tag kam, musste ich Papierfiguren ausschneiden, ohne zu wissen, wofür.“

INFO
Aktueller Spielplan
und Platzreservierung unter:
www.papiertheater-tschaya.de

Bald begeisterte sie sich für die kleinen, üppig mit Gold verzierten Bühnen – und ließ sich ein Papiertheater von ihrem Onkel aus Wustrow bauen. „Das stand dann in meiner Frankfurter Wohnung, erstmal ohne Proszenium, dem prunkvollen Bühnenportal, aber trotzdem wunderschön.“ Und da Naumann-Namba diplomierte Märchenerzählerin ist, richtete sie nach ihrem Umzug ins Wendland in ihrem Wohnzimmer einen Theatersaal ein. „Das ging nicht lange gut – zu wenig Platz.“ Also wurde das Theater in den Keller, der einen eigenen Eingang hat, verlegt. Seitdem werden auch im Wendland Papierfiguren wieder lebendig. Dort haucht Gisa Naumann-Namba den feinen Papierfiguren Leben ein und lässt die Puppen – nicht wirklich tanzen. Die Figuren werden, auf Holzstäben befestigt, in die Kulissen geschoben. Raffinierte Beleuchtung und ein fein abgestuftes Bühnenbild lässt den Eindruck großer Tiefe entstehen. Die Ruhe, mit der das Geschehen umgesetzt wird, ist für viele Kinder eine ganz neue Erfahrung, berichtet Naumann-Namba. Viele junge Heranwachsende nutzen Bildschirmmedien – wie TV, Computer, Spielekonsole, oder auch Tablets und Smartphones – mit schnellen Schnittfolgen. Das Bühnenbild bei Tschaya verweilt. Der Geist bekommt so Zeit, das Gesehene in Ruhe zu reflektieren, die ganze kleine Welt aus Papier verzaubert die Zuschauer. Kindgerecht aufbereitete Stücke wie „Peter und der Wolf“ oder „Kalif Storch“ werden in einer halben Stunde erzählt. „Länger halten die Jüngsten nicht durch.“

In Japan, wo sie lange lebte, seien ganze Operetten auf Papiertheaterbühnen gerade der letzte Schrei. Heute, in unserem durchdigitalisierten Medienzeitalter, sind Papiertheater Ausdruck einer Sehnsucht nach jener guten alten Zeit. Vielleicht ist es die verblüffend einfache Illusionstechnik, die so anregend auf die Fantasie der Zuschauer wirkt.

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