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Radeln auf Castorgleisen

Am Wochenende: Ansturm auf Draisinenprojekt

bv Zernien. „Mit der Bahn können schließlich auch Menschen fahren, die nicht mehr Auto fahren können“, betont Schulze. „Bis wir hier, gerade im Wendland, mit der starken Opposition gegen 5G und ähnliches, Autonomes Fahren haben, werden noch Jahrzehnte vergehen. Aber die Gesellschaft wird immer älter. Diejenigen, die nicht mehr selber fahren können, müssen sich trotzdem fortbewegen können. Außerdem kann man auf der Bahn Güter und Menschen mit viel weniger Energie viel weiter befördern als auf der Straße – wegen des geringeren Reibungswiderstandes. Das muss man wieder ins Bewusstsein rufen.“ Der Verein habe sich gefragt, was man tun könne, um die Strecke sinnvoll und nachhaltig zu nutzen, bis wieder richtiger Schienenverkehr stattfinden kann. „Da kamen wir auf die Draisinen – sie sind klimaneutral, weil muskelbetrieben; und wir fördern sanften Tourismus und unsere Region“, ist Schulze überzeugt.

Das diese Rechnung aufging, ließ sich eindrucksvoll am Wochenende beobachten. Das Interesse war riesig. In einem ersten Schritt können jetzt rund fünf Kilometer bis kurz hinter Pudripp gefahren werden. „Unser Ziel ist aber die 15 Kilometer bis Dannenberg. Das werden wir in ein bis zwei Jahren anbieten. Wir kämpfen uns vor – von einem Bahnhof zum anderen“, lacht Joswig. Bis das Fernziel erreicht ist, die Strecke wieder mit Zügen zu befahren, kann man, so Joswig, „in der Zwischenzeit mit der Draisine die Elbtalaue aus einer anderen Perspektive erkunden“.

Rolf Schulze war extra aus Dänemark angereist – der Archäologe, ehemaliger Wendländer, ist vor einigen Monaten in das Nachbarland ausgewandert, kehrt aber regelmäßig zurück. Und er hatte etwas ganz Besonderes mitgebracht: Seinen alten Opel Astra Kombi, der auf Schienen fahren kann und darf. Dazu werden jeweils vorne und hinten zwei metallene Spurräder angeschraubt, die die Autoreifen genau auf der Schiene halten. Das Kuriose: Wenden kann man nicht. Wenn man zurück will, muss man den Rückwärtsgang nutzen. Dieser unkonventionelle Schienenbus kommt zum Einsatz, wenn die Draisinenfahrer etwa die Kraft verlässt oder ein technischer Defekt – meistens eine abgesprungene Kette – vorliegt. Dann werden die Draisinen an den Opel gekoppelt und zum Bahnhof gezogen.

Wer am Wochenende eine Draisinenfahrt erleben wollte, musste einiges an Wartezeit einkalkulieren. Wegen des großen Andrangs verfielen die Anbieter auf einen Trick: Sie koppelten jeweils zwei Draisinen mit den Hinterteilen aneinander, damit jeweils acht Menschen gemeinsam fahren konnten. Nur zwei Gäste pro Draisine müssen strampeln, zwei sitzen in der Mitte und genießen die Landschaft. „Sehr romantisch“, fand Hein Rösemeier aus Klein Heide die Fahrt durch den Wald in Richtung des Viaduktes bei Pudripp – wobei das Viadukt am Wochenende, wegen des großen Andrangs, nicht von allen befahren werden konnte. Bereits nach drei Kilometern wurde wieder zurückgeradelt. Das Ganze geriet, je nach Besetzung der Drasininen, gelegentlich doch zu einer schweißtreibenden Angelegenheit, wenn nämlich zwei Radler sechs Nicht-Radler mitbefördern mussten. Technisch bedingt ging es am ersten Draisinen-Wochenende nicht anders. „Wir können die Draisinen noch nicht wenden, arbeiten aber schon an einer Konstruktion“, erläutert Joswig. Ganz leise ist das Vergnügen logischerweise auch nicht. Aber es hat einen wunderbar eigentümlichen Reiz, durch den grünen Tunnel zu radeln. Obwohl Draisinen deutlich schwerer als Fahrräder sind, ist das Fahren wegen des geringen Widerstandes der Schiene einfach. Und anders als bei einem Straßenfahrrad braucht man dafür weder das Gleichgewicht zu halten noch zu lenken. Auch Kutschfahrten sind demnächst geplant.“ Mit der Draisine hin, mit der Kutsche zurück“, so eine weitere Idee für den sanften Tourismus, die demnächst real wird, berichtet Joswig: Kay Stolzenberg und Frank Roesner arbeiten gerade Touren mit dem Planwagen aus.

Draisinenfahrten kann man ab sofort auf der Seite wendlanddraisine.de buchen.

Redaktion Kiebitz 05841/127 422 vogt@ejz.de

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