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Papiermaché – Kassenschlager vor 200 Jahren

Ludwigsluster „Carton Fabrique” – ein Recycling-Betrieb für Altpapier

bbm Ludwigslust. „Etwas rechts von diesem Kanal kamen wir an den sogenannten Kaisersaal, einem Platz, der seinen Namen von den zwölf römischen Kaiserstatuen hat, die hier in der Runde stehen. Alle diese Statuen sind aus bloßer Pappe gemacht, aber von der Witterung so gehärtet, als der dauerhafteste Stein.“ Die erste Erwähnung des Ludwigsluster Papiermachés notierte der englische Gelehrte Thomas Nugent bei einem Besuch des großzügigen Ludwigsluster Schlossparks – im November 1766. Ludwigslust sollte in der Mitte des 18. Jahrhunderts zur neuen Residenz nach barockem Zeitgeschmack ausgebaut werden. Doch das Herzogtum Mecklenburg-Schwerin war nach dem Siebenjährigen Krieg wirtschaftlich geschwächt. Es war aber nicht nur die angespannte Finanzlage, die Herzog Friedrich dazu bewog, günstige Materialien für seinen Residenzbau zu suchen. Er war auch begeistert von Naturwissenschaften, wollte nachhaltig wirtschaften und dachte ohnehin sparsam. Die Idee zur Verwendung von Papiermaché kam von einem seiner Lakaien: Johann Georg Bachmann. Der Herzog beauftragte ihn mit der praktischen Erprobung und Umsetzung. Bachmann wurde Leiterder Papiermaché-Werkstatt.

Kiebitz traf den Ludwigsluster Restaurator Andreas Volkmar in der barocken, 1770 eingeweihten früheren herzoglichen Hofkirche, heute die Stadtkirche. In dieser Kirche, dem ihm durch eine Sichtachse verbundenen Schloss und dem Palais Bülow hatte Volkmar Papiermaché nachgewiesen: in der Hofkirche in Gestaltungselementen wie dem überdimensionalen, nach außen gewölbten Altarbild, der reichverzierten Fürstenloge („Fürstenstuhl”) gegenüber und schließlich der mit Kassetten bestückten Decke. „Unter anderem die habe ich nach der Jahrtausendwende restauriert”, erinnert sich Volkmar. Schon vorher hat er dazu geforscht und auch in Archiven gewühlt, alte Einkaufsrechnungen durchsucht und Materialanalysen angefertigt, um zusätzliche Sicherheit über die Zusammensetzung zu bekommen. „Übrigens habe ich bei den Deckenarbeiten die damalige Arbeitsweise übernommen, Papierschnipsel Lage für Lage aufzubringen und zu verkleben. Da passt mir der französische Begriff „maché” (zerkauen) schon mal nicht, eher schon „caché” (verborgen, verdeckt).” Denn schließlich würden alle Wand- und Deckenstücke wie auch Möbel, Bilderrahmen und Büsten berühmter Zeitgenossen in Papierlagen schichtweise hergestellt und dann farbig oder mit Gold (oder billiger: mit Messing), Silber und/oder Lackfarben überzogen. Was neben und vor allem vor diesen und anderen Arbeitsgängen zeitaufwendig ist, sei das Modellieren, Glätten und Aushärten der Negativ-Form, in die dann hineingeschichtet wird. Nach dem Trocknen kommen das Glätten und die schon erwähnten Arbeiten: „Sehr viel Arbeit! Heutzutage kaum noch mach- oder gar bezahlbar”, meint Volkmar.

Ein Gegenstück aus der Ludwigsluster Carton-Fabrik dazu stellt der für Besucher geöffnete Thron- oder „Goldene Saal“ im Schloss auf Sichtweite gegenüber dar – auch mit einer Maché-Büste von Herzog Friedrich dem Frommen ausgestattet. Dort wird zur Zeit fleißig renoviert.

Der regierende Herzog Friedrich der Fromme und sein Nachfolger waren vergleichsweise „bettelarm”, hatten aber für all den oberflächlichen Zierrat den eingangs bereits erwähnten Johann Georg Bachmann verpflichtet, einen gewitzten Kammerdiener, der sich im Selbststudium weiterbildete. Er verschaffte sich die ein Jahrtausend alten chinesisch-japanischen Kenntnisse in Sachen Papiermaché und knüpfte anschließend in halb Europa geschäftliche Verbindungen. Regelmäßig erscheinende Kataloge vertieften die Beziehungen. Im heutigen Rathaus befehligte Bachmann an die 25 Mitarbeiter, wurde zum Inspektor befördert – und nahm schließlich seine geheimen Rezepturen mit ins Grab.

Der Trend versiegte – bis Mitte des 19. Jahrhunderts. 2019 hat eine zufriedene Reisegruppe der Kreisvolkshochschule Lüchow-Dannenberg Ludwigslust besucht. Die KVHS kann sich eine Wiederholung – nach Corona – vorstellen.

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