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Der Holzbaumeister

Christian Etzel fertigt historische Kleinbahnen

kek Lütkenwisch. Nun ist das Brett voll – mit ganz speziellen Bahnrelikten von 1886 bis ins 20. Jahrhundert aus Europa, Afrika, Amerika und Ozeanien. „Das habe ich mir mal wieder aufgebaut, und wenn ich das alles sehe, kann ich selbst kaum glauben, dass ich das war, der das alles hier angefertigt hat“, sagt der Lütkenwischer, der seit erst fünf Jahren dieser Leidenschaft frönt. In seinem Fundus befinden sich inzwischen 36 Dampfloks „und dazu ein missratener Erstling“, 72 Motor-, zwei Akku- und eine E-Lok, acht Triebwagen für den Personentransport, fünf Draisinen und 36 Personenwagen, dazu sechs Militärpersonenwagen aus dem Ersten Weltkrieg. Was die Güterwagen betrifft, so merkt der 58-Jährige an: „Die zähle ich lieber nicht!“

Auf der Platte ist lediglich ein Drittel des vorhandenen Fuhrparks aufgebaut. Doch schon bei dieser kleinen Auswahl zeigt sich die Vielfalt der Eisenbahnwelt: Im Vordergrund ist die erste Bahn in Marokko zu sehen, dahinter Wirtschaftsbahnen wie deutsche und französische Muldenkipper, Wald-, Gruben- und Torfbahn, und mittendrin dazu ein Triebwagen aus Haiti. Den Steuerwagen dazu hat sich der Vorgeschichtler selbst ausgedacht, wie ebenfalls eine Tunnelbohrmaschine. Das Schlusslicht bildet nach Motordraisinen und einer französischen Meterspurbahn eine amerikanische Heeresfeldbahn aus dem Ersten Weltkrieg.

Der Auslöser des Ganzen, eine Blechlorenbahn, die der Eisenbahnbaumeister vor 15 Jahren auf dem Gartower Flohmarkt erwarb, ist vorn ganz rechts zu sehen. „Eine zweite Lok kam dazu und dann kam nichts mehr. Das geht natürlich nicht, und weil Holz mein Material ist, wagte ich den Versuch, mir meine Feldbahn eben selbst zu bauen. Nach einigen anfänglichen Katastrophen, die im Ofen landeten, bin ich mit dem Erreichten inzwischen halbwegs zufrieden“, erzählt der Bahn-Tüftler weiter. Schließlich sind die hölzernen Raritäten nicht nur so maßstabsgetreu wie möglich ihren Vorbildern nachempfunden; dazu gibt es an allen fahrbaren Maschinchen immer etwas zum Drehen, zum Schieben oder zum Bewegen – wie etwa die Türen zum WC, die es in einigen Wagen „sein müssen“. So besitzt ein Wagen der Luxemburgischen Meterspurbahn auf der einen Seite ein Dienstabteil mit Sitzfläche für den Zugführer, auf der anderen Seite ein Postabteil mit Sortierfächern, und auch die Trittstufen zu den Abteilen sind korrekt vorhanden. „Inneneinrichtung muss schließlich auch sein!“ Und einige Schlepptender sind sogar mit echter Steinkohle beladen, die natürlich vom Elbestrand stammt.

Wenn andere sich dem abendlichen TV-Programm widmen, begibt sich der gebürtige Nürnberger auf die Reise durch das Internet nach historischen Vorbildern. „Mich faszinieren Feldbahnen, also einfache Wirtschaftsbahnen, die große Lasten und Massen mit geringstem Aufwand bewegen.

Es sind höchst bemerkenswerte Ingenieursleistungen, die mit viel Können und Wissen konstruiert wurden, und es sind zwar kleine, aber liebenswerte und zutiefst menschliche Bahnen. Und genau das ist für mich das Geniale.“ Mittlerweile entstehen auch ganze Zuggarnituren, wie etwa ein Güterzug aus Eritrea, ein Reisezug der Otavi-Minen- und Eisenbahngesellschaft oder Triebwagen der Inselbahn Spiekeroog mit Gepäckwagen und Flachwagen für Gepäckcontainer. „So hole ich mir die weite Welt in mein abgeschiedenes Zuhause,“ heißt es weiter, „denn bei mir endet die Welt der Eisenbahnen nicht am hinteren Ende der tollen Lok. Mich interessieren auch Land und Leute drum herum, so dass der Bahnbau letztlich ein äußerst lehrreiches Hobby ist.“

Die Antwort auf die Frage nach dem Lieblingsstück: „Das ist jedes einzelne Stück, deshalb verkaufe ich auch nichts.“ Und zum Schluss gibt es noch ein Bekenntnis: „Ich komme mir vor wie auf Lummerland. Eine Insel, auf der außer dreieinhalb Untertanen und einem König nur noch eine Eisenbahn Platz hat – und das mehr als reichlich.“

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