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Stadt schreibt Geschichte(n)

Broschüre zur Hausfahnen-Aktion in Hitzacker

bv Hitzacker. Wer weiß denn schon, dass Liborius Kleppin 1534 im Pfarrhaus von Hitzacker lebte, obwohl die Pfarrstelle noch besetzt war von Busso Predöhl, dem letzten katholischen Kaplan? „Kleppin ist der Erste, von dem wir wissen, dass er dort lebte. Und von allen anderen – bis heute – wissen wir es auch, dank sehr genauer Recherchen“, erläutert Klaus Lehmann, Leiter des Heimatmuseums und Initiator der Aktion „Häuser erzählen“: Auf kleinen Fahnen, die an den historischen Gebäuden auf der Insel genannten Altstadt von Hitzacker angebracht wurden, wird mit einem kurzen, informativen und oft amüsanten Text über das jeweilige Haus berichtet.

Illustriert wurden die Fahnen mit historischen Fotos mit hoher Aussagekraft, und abgerundet mit der eingangs erwähnten Chronik der bekannten Hausbesitzer. Eine Touristenattraktion, die klug und unaufdringlich daherkommt. Wer will, kann so sehr viel in sehr kurzer Zeit über die vergangenen 500 Jahre in Hitzacker erfahren. Wer das nicht will, geht einfach weiter.

Die geniale Idee findet nun so etwas wie eine vorläufige Bilanz, denn alle 48 Hausfahnen wurden in einer DIN-A4-Broschüre veröffentlicht, die zum Selbstkostenpreis von fünf Euro abgegeben wird – im Museum. Und so können Interessierte beim Schmökern daheim erfahren, dass in der Deichstraße 7 ein Haus steht, welches sich über 300 Jahre in Familienbesitz befand. „Heute erreichen nur noch wenige Häuser eine familiäre Besitzfolge von 100 Jahren“, erläutert Lehmann, der die Textvorlagen mit Ulrike Bergmann, Maren Schmieta und zuletzt auch Erhard Fröhlich erstellt hat. Das Grundlagenlayout der Fahnen übernahm Jenny Raeder, Klaus Lehmann gestaltete die Fahnen – von 2007 bis heute.

In der Hauptstraße 4 leben seit 1886 in der mittlerweile fünften Generation die Bäckermeister Stahlbock. Nebenan, in der Hauptstraße 6, wurde bereits 1687 gebacken, und wird es bis heute. Früher gab es vier Bäckereien in Hitzacker, heute nur noch eine.

In der Hauptstraße 25 gab es schon 1908 Strom – und nur dort, da der Besitzer, ein Molkereibesitzer, selber für seinen Betrieb Strom erzeugte. Erst 1972 wurde die Molkerei stillgelegt. Und die Leser erfahren, dass der Wirt der Bürgerstube, Eike Scheuer, der ungekrönte Angelkönig von Hitzacker ist.

„Die ersten Hausfahnen entstanden im Jahr 2007, als Vorbereitung auf das 750-Jahr-Jubiläum“, erläutert Lehmann. „Die Stadtgeschichte von Sigmund Wolf bot dazu einen reichlichen Fundus. Vor allem mit den Hausbesitzerlisten fast aller Häuser auf der Stadtinsel. Er hatte dies mühsam und akribisch 1958 anhand der alten Steuerlisten herausgefiltert. Bis zurück zum Ende des Dreißigjährigen Krieges kann die Besitzfolge aufgezeigt werden. „Wir unternehmen den Versuch, auch ein Stück Stadtgeschichte zu erzählen“, so Lehmann. Besonderheiten, die Hitzacker prägen, Schifffahrt, Handel, einzelne Persönlichkeiten, die Schützengilde, Bürgermeister, gestresste Pastoren – von vielem wird berichtet. Auch davon, dass jüdisches Leben bereits 1884 in Hitzacker endete. Und manches kann noch nachgetragen werden, betonen die Autoren – noch ist Platz an vielen Häusern.

Björn Vogt

Redaktion Kiebitz 05841/127 422 vogt@ejz.de

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