Von „der Intensiv“ weiter gekümmert

Alexander Ottavio beschafft Millionen-Spenden für Flüchtlinge

bv Pevestorf. An einem verhangenen Freitag vor einigen Wochen fährt ein voll beladener Lkw vom Biosafthersteller Voelkel in Pevestorf los. So weit, so normal. Aber etwas ist anders: Es ist der bereits dritte Transport, der von Gartow aus in den vergangenen Monaten Kurs auf Lesbos nimmt. Ziel: die überfüllten Flüchtlingslager in Griechenland. Und neu am Lkw ist, dass er nicht nur 16 000 gespendete Säfte aus dem Wendland zu den Flüchtlingen bringt – dies hat Voelkel zuvor auch schon getan, sondern auch noch 5 500 Tafeln Bioschokolade der Firma Ludwig, 4 000 Packungen Kekse der Bohlsener Mühle und dreieinhalb Tonnen Haferriegel von Allos.

„Der Brand des Lagers Moria hat die Not der Geflüchteten auf Lesbos auf eine kaum noch vorstellbare Weise verstärkt. Während über das Mittelmeer die Winterstürme toben, fehlt es den über 10 000 auf engstem Raum zusammengepferchten Männern, Frauen und Kindern an Kleidung, Essen, Wasser und einem festen Dach über dem Kopf. Unter dem Motto „Bio hilft! Solidarität mit Moria“ haben wir Bio-Unternehmer uns zu einer Hilfsaktion zusammengeschlossen“, erläutert Firmenchef Stefan Voelkel. Als Initiator ruft Voelkel die gesamte Bio-Branche zur Teilnahme auf: „Bio ist nicht nur eine EU-Verordnung, sondern eine ethische Haltung der Natur und den Menschen gegenüber. Und diese Haltung hört nicht an Landesgrenzen auf. Schaut in eure Lager und helft!“

Die Initialzündung für die inzwischen deutschlandweite Solidaritätsaktion hat Alexander Ottavio aus Hitzacker geliefert. Stefan Voelkel und seine Söhne Jurek und Jakob haben sie vorangetrieben. Ottavio, wegen eines chronischen Leidens selbst früh berentet, kümmert sich seit Jahren darum, Flüchtlingen zu helfen.

Und heute mehr denn je. Frage: Warum tun Sie das? Statt einer Antwort zeigt der Hitzackeraner Aufnahmen auf seinem Handy, die ihm vertraulich zugespielt wurden. Das Gezeigte schockiert. Viele der Zelte im Camp Kara Tepe, Moria 2 genannt, von der UNHCR aufgebaut, sind von heftigen Regenfällen geflutet, brauner Schlamm und Wasser überall, auch in den Zelten. Ottavio: „Inzwischen kommt die Kälte dazu. Pro Zelt sind zehn Menschen untergebracht, was zu viel Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen führt – auch von Kindern. Babys wurden dort von Ratten angefressen. Menschen sterben wieder an einer ganz normalen Erkältung. In Europa! An Krankheiten, die sofort behandelbar wären. Nur: Es gibt keine Medikamente. Die Lagerinsassen frieren den ganzen Tag, und sie haben kaum etwas zu essen. Es gibt einen Wasserhahn für 1600 Menschen. Nur kaltes Wasser. Die Mitarbeiter der NGOs werden davon abgehalten, den Menschen in den Camps zu helfen. Es ist die Schande Europas. Mir geht es vor allem um die Jüngsten – um die vergessenen Kinder.“

Einen Teil der Koordination des letzten Transportes musste Ottavio von der Intensivstation aus erledigen. Warum? „Die Hitzackeraner kennen mich und wissen, dass ich besonders gut aufgepasst habe“, erwidert Ottavio. Aber dann erwischte es ihn doch – Corona. „Ich musste nur einen Tag auf „der Intensiv“ verbringen, gerade in der heißen Phase des Transportes.“ Von dort sei ihm gelungen, weitere Spenden zu organisieren. Die Summe der Hilfsgüter, die Ottavio bisher beschafft hat, überstieg 2020 erstmals die Millionen-Euro-Marke.

Es sei ein offenes Geheimnis, weiß Ottavio, dass Flüchtlinge extra so behandelt werden – um Nachahmer abzuschrecken. Migrationsexperte Gerald Knaus von der Denkfabrik Europäische Stabilitätsinitiative bestätigt dies. „Die schlechten Bedingungen sind gewollt. Die Menschen sind Statisten in einem Abschreckungsdrama.“

Ein Fakt, der laut Ottavio ebenfalls wenig bekannt sei: Wenn ein Asylantrag in Griechenland nach Jahren genehmigt wird, landen die Flüchtlinge auf der Straße. Sie sind obdachlos und auf sich selbst gestellt. Ottavio lässt das nicht kalt. Er ruft zur Unterstützung der Hilfsorganisation Heimatstern aus München auf. Diese hätte ihm 2020 geholfen, fast hundert Paletten zu transportieren und dort kümmere man sich auch um solche Flüchtlinge. Wer für die Transportkosten spenden möchte, kann sich an Ottavio unter (0175) 1 52 66 53 wenden.

Redaktion Kiebitz 05841/127 422 vogt@ejz.de

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