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Der vielleicht verrückteste Verein des Wendlands

Buerbeer in Bösel – drei tolle Tage im Frühling und ein Umzug, der Alt und Jung zusammenbringt

bv Bösel. „Man täte fehl daran und würde das Buerbeerfest zu gering einschätzen, wenn man es nur in die Reihe der allgemein üblichen Feste einreihen würde. Seine eigentliche Bedeutung ist seine gemeinschaftsfördernde Wirkung, die bei dem heutigen Verfall mitmenschlicher Beziehungen unendlich wichtig ist. Dieser Wirkung wegen ist es auch so beliebt und wird von allen gepflegt und mit immer neuen Ideen bereichert. Das Schöne ist, dass jeder Fremde und Zugereiste in die frohe Gemeinschaft mit hinein genommen wird.

Wer glaubt, dass traditionelle Gepflogenheiten zum Sterben verurteilt sind, der darf das ganz bestimmt nicht vom Böseler Buerbeerfest tun“. Wer einmal Buerbeer in Bösel erlebt hat, der weiß, wie viel Wahrheit in den Worten von Pastor Grützner steckt, der 1981 in einem Festvortrag in der St.-Georgs-Kirche die geschichtlichen Wurzeln des buntesten und wildesten Volksfestes des Wendlands erläuterte.

Kiebitz-Redakteur Björn Vogt fragte nach bei Uwe Ness, dem Vorsitzenden des Buerbeervereins:

Uwe Ness, Sie sind der „Große Vorsitzende“ des Buerbeervereins, dem „vielleicht verrücktesten Verein des Wendlands“, so die Eigeneinschätzung. Wie kam es zu dem schönen Titel, und wie lange bekleiden Sie das Amt schon?

Das war ein Journalist, der mir diesen Namen vor langer Zeit gab. Wegen meines attraktiven Äußeren und meiner sprachlichen Gewandheit konnte nur der Vergleich mit dem chinesischen Parteiführer Mao Tse-tung gezogen werden (lacht).

Seit wann gibt es den Verein?

Tatsächlich erst seit 1973 in Vereinsform. Ich bin seit 1983 Mitglied, da bin ich nach Bösel gezogen. Aber das Fest wird bereits seit vielen Jahrhunderten gefeiert, und bunte Umzüge gab es auch schon lange vorher. Heute feiern wir im Zelt, mit großen Live-Bands. Zuvor wurde im Saal der Kneipe gefeiert. Erst um 1989 sind wir ins Zelt umgezogen – weil es immer mehr Feiernde wurden und der Saal zu klein. Das hing auch mit der Wende zusammen. Der 23. April ist der Namenstag des Heilige St. Georg, dem Schutzpatron unserer Dorfkirche. Deshalb wird immer um dieses Datum herum gefeiert. Den Auftakt macht der Buerbeer-Gottesdienst, dann folgen die „drei tollen Tage“ – der Freitag mit Liveband und Tanz, der Sonnabend mit dem Kinderfest und abends erneut mit Liveband und großer Party, der Sonntag erst mit dem spektakulären Umzug und zum gemütlichen Ausklang wieder auf dem Zelt. Diese Zeit Ende April war eine Phase, wo die Bauern einmal nicht so viel zu tun hatten. Das Brennholz muss bis Buerbeer gemacht sein, so lautet eine alte Regel im Dorf.

Wie viele Mitglieder zählt der Verein? Wer darf alles Mitglied werden?

Etwas über 250 Mitglieder – es ziehen welche zu, einige sterben weg, das variiert. Jede/r darf Mitglied werden. Er oder Sie muss einen Antrag stellen, die Generalversammlung entscheidet darüber. Bisher wurde niemand abgelehnt.

Stichwort Wagenbau: Wie oft trefft ihr euch? Wie werden die Themen geheimgehalten? Beziehungsweise: Wie wird das koordiniert?

Die Themen der Wagen sind das bestgehütete Geheimnis im Dorf. Jeder ist neugierig und versucht, etwas rauszubekommen. Deshalb gibt es eine Vertrauensperson, dem die Ideen angekündigt werden. Das soll verhindern, dass Themen doppelt besetzt werden. Aber es wird nichts verboten und untersagt. In einem Jahr gab es mal vier Vampirthemen. Letztlich entscheidet jede Gruppe, was sie umsetzen will.

Wie treffen die Böseler ihre Themenwahl? Wie finden sich die Gruppen zusammen?

Das reicht von politisch brisanten Themen über popkulturelle Phänomene, es gibt eine extrem bunte Vielfalt, oft wird Aktuelles satirisch überspitzt. Ein bisschen frech, pfiffig und politisch, so mag es unsere Gruppe. Wir bauen aber nicht so aufwendig, das tun andere umso lieber. Die Gruppen sind gewachsene Strukturen. Ich lebe seit 1983 im Dorf, habe bei Freunden gefragt, ob noch Platz auf dem Wagen ist, das passte. Das sind Freundeskreise. Wir feiern auch Geburtstage zusammen. So passt es auch oft thematisch.

Schiffe gibt es immer wieder, es waren wirklich spektakuläre Bauten dabei. Diese eine Gruppe hat geniale Handwerker, die haben mal ein riesiges Piratenschiff gebaut, selbstfahrend. Eine großartige technische Leistung. Es konnte Bierdosen aus einer Kanone verschießen. Volle Bierdosen. Da hat nicht jeder Verständnis für (lacht). Auch die „Santa Maria“ und Columbus waren schon Themen, oder das Boot von Santiano. Vor einigen Jahren hat diese Gruppe einen Kampfjet gebaut. Es gibt kaum Limits. Die Stimmung beim Umzug ist immer fröhlich und ausgelassen, die Zuschauer kommen von weither. Die Kinder werden mit Bonbonregen verwöhnt, und es gibt Bier, Sekt und Schnaps für die Großen. Aus „organisatorischen Gründen“ wird der Montag nach Buerbeer gerne freigenommen.

Wie wird man zum Großen Vorsitzenden? Ist das ein Amt, ähnlich wie bei einem afrikanischen Potentaten, aufs Lebenszeit?

Genauso! Nein, natürlich nicht (lacht). Die Generalversammlung wählt einen für drei Jahre. Und dann kann man sich erneut aufstellen lassen. Ich bin seit 1999 Vorsitzender, war davor einige Jahre im Vorstand.

Was sind Ihre Aufgaben?

Ich mache Öffentlichkeitsarbeit und bin Ansprechpartner für alle Probleme, bin aber auch der Verantwortliche. Ich kümmere mich um die Verträge mit den Schaustellern und der Musik, treffe eine Auswahl und führe die Verhandlungen mit den Bands und den Spielmannszügen. Ich muss auf das Repertoire achten, und auf die Kosten. Die Bands muss man wenigstens ein halbes Jahr vorher buchen.

Wie würden Sie das Vereinsleben beschreiben? Gibt es neben den drei tollen Tagen noch andere Zusammenkünfte?

Das unterscheidet sich natürlich von anderen Vereinen. Höhepunkt sind die drei tollen Tage und der Buerbeer-Gottesdienst am Sonntag davor. Ab Januar bis ungefähr April werden die Wagen gebaut – das braucht mal mehr, mal weniger Zeit. Wer aufwendig baut, der fängt früh an und trifft sich oft. Manchmal treffen sich die Gruppen an jedem Wochenende und sogar unter der Woche. Eine Kiste Bier ist immer dabei. Und eins eint alle: Die Mundwinkel sind immer oben. Wir treffen uns auch in der Kneipe. Und: bei uns gibts keine Uniformen, es ist zwanglos. Naja, die Leute machen eh, was sie wollen …

Was bedeutet der Ausfall von Buerbeer für euch?

Es gibt weiß Gott andere Probleme zur Zeit. Deshalb stehen wir hinten an – das ist doch kein echtes Problem. Wir holen das nach, wenn es wieder geht. Es ist zwar schön, mit Buerbeer aus dem Alltagstrott rauszukommen. Aber nun ist es eben so. Wir müssen diese Krise gemeinsam überwinden, müssen vernünftig sein und Perspektiven aufzeigen.

Zur Geschichte: Das Buerbeerfest war in heidnischer Zeit eine Feld- und Flurprozession, wo man versuchte, durch das Umgehen der Felder göttlichen Schutz für die Saaten zu erringen. In katholischer Zeit bat man den Christengott um den Schutz für ­Saaten. Selbst anfangs der evangelischen Epoche wurde sie 1527 als so genannte „hyllige Dracht“ (heilige Tracht) aufgeführt. Zu katholischer Zeit legte man diese heilige Tracht auf den Namenstag des heiligen St. Georg, den 23. April, an dem auch anschließend das Kirchweihfest gefeiert wurde. Der Zeitpunkt des Festes, das Wochenende nach dem St. Georgstag, hat sich bis heute erhalten.

Vereine werden vorgestellt

Auftakt mit Buerbeer

Liebe Leserinnen und Leser, wir werden im Rahmen dieser neuen Reihe in den kommenden Ausgaben verschiedene Vereine aus Lüchow-Dannenberg vorstellen. Geplant sind Berichte über den RFV Dannenberg, den Schützenverein Gorleben und Breese/Marsch, die Schützengilden Gartow, Dannenberg, Hitzacker, Lüchow und Schnackenburg, den Erntefestverein Schnega sowie über den RFV Wendland (Änderungen vorbehalten).

Redaktion Kiebitz 05841/127 422 vogt@ejz.de

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