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Genpool aller Kulturäpfel

Streuobstwiese auch Frühsensor für Klimawandel

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bv Höhbeck. Bis heute zählen Streuobstwiesen zu den artenreichsten Lebensräumen in Mitteleuropa. Es wird geschätzt, dass rund 5 000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten auf einer Streuobstwiese leben können. Die rund 3,3 Hektar große, landschaftlich reizvoll gelegene Wiese wurde in den Nach­kriegsjahren angelegt und befindet sich seit den 1980er-Jahren im Eigentum der BUND-Kreisgruppe. „Wir wurden ja schon ausgezeichnet, dieses hier ist die schönste Streuobstwiese Niedersachsens“, berichtet Mayhack. Auf der Wiese steht eine große Zahl alter Apfelbäume, zum Teil mit ökologisch wertvollen Baumhöhlen und hohem Totholzanteil. ­Außerdem zeichne sie sich durch eine große Vielfalt verschiedener Pflanzen- und ­Insektenarten aus, auf der bei der Exkursion besonderes ­Augenmerk lag.

Die besondere Flora und Fauna der Wiese wurde den Teilnehmenden durch Heinke Kelm, Botanikerin und Mit­begründerin des botanischen Arbeitskreises, sowie ­Hermann Stolberg, Pomologe und stellvertretender Vor­sitzender des Streuobstwiesen-Bündnisses, nähergebracht. Die Exkursion war Teil des auf drei Jahre angelegten Projektes „Obstbaumalleen und Streuobst­wiesen in Amt Neuhaus und Umgebung wertschätzen und erhalten“, in dessen Rahmen der Verein Konau 11 Bildungs- und Mitmachangebote durchführt. Außerdem möchte der Verein weitere Obstbaumwarte für den Erhalt der wertvollen Obstbaumalleen im Nachbarlandkreis gewinnen.

Wie Stolberg berichtete, sind Streuobstwiesen vom Menschen geschaffene Kulturlandschaften; eine Form des Obstanbaus, die auf Mehrfach­nutzung angelegt ist. Die hochstämmigen Bäume, die verstreut in der Landschaft stehen, tragen unterschiedliches Obst wie Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen oder Walnüsse. Diese Mehrfachnutzung der Streuobstwiesen ist deren wesentliches Merkmal: die Obsterzeugung – Obernutzung genannt – und regelmäßige Dauer-Grünland-Unternutzung als Mähwiese oder Viehweide. Durch extensive Beweidung durch Schafe oder Rinder wird eine artenreiche Flora begünstigt, aber insbesondere auch, weil durch fehlende Kunstdüngergaben, in Kombination mit den lichten oder besonnten Flächen auf der Obstwiese so auch benachteiligte Kräuter aufkeimen können, wie Heinke Kelm ausführte. So entsteht in genutzten Streuobstwiesen ein hoher Artenreichtum in der Flora.

Für die Streuobstwiese eignen sich nur robuste veredelte Hochstämme mit geringen Ansprüchen an Pflege und Standort. Schon früh wurden in der Geschichte der Gartenkultur spezielle, widerstandsfähige Sorten gezüchtet, die den jeweiligen regionalen Gegebenheiten nahezu perfekt angepasst sind.

Stolberg: „Die Sortenvielfalt hat daher stets einen regionalen Bezug; die traditionelle Artenzusammensetzung und Sortenauswahl weisen einen sehr hohen Spezialisierungsgrad für unterschiedliche Standorte und Nutzungen auf.“ Von den über 3 000 Apfelsorten Mitteleuropas sind nur etwa 60 im deutschen Handel. Auf Streuobstwiesen finden sich jedoch noch viele alte Regionalsorten. „Sie stellen ein wichtiges Reservoir für den Genpool der Kulturäpfel dar. Die ,typische‘ Streuobstwiese gibt es nicht“, so Stolberg.

Der Höhbeck mit seinen Böden und seinem lokalen Wärmeklima ist auch Frühsensor für einen sich abzeichnenden Klimawandel. Dort zeigen sich anhand des biologischen Inventars weit früher als in umliegenden, durch andere Lokalbedingungen geprägten Gebieten, die Auswirkungen des fortschreitenden Klimawandels. Ein Saum aus Kassuben-Wicken kommt auf wärmebegünstigten, niederschlagsarmen, sandigen Standorten vor. Diese Saumgesellschaft gedeiht besonders gut auf der Streuobstwiese auf dem südexponierten Hang. Die alten Obstbäume auf dem terrassierten Hang hingegen sind bereits überwiegend abgestorben.

Redaktion Kiebitz 05841/127 422 vogt@ejz.de

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