Für Respekt und Verstehen

Gespräche zu Flucht und Ausgrenzung

rs Dömitz. 540 Seiten stark ist das Buch, das in den Händen des mecklenburgischen Propstes Dirk Sauermann ruht. Vier Jahre wurde daran unter der Ägide des Kirchenkreises Mecklenburg durch die Historikerin Rahel Frank geforscht. „Biografien politisch Verfolgter und Diskriminierter in Mecklenburg 1945 bis 1990: Ein erinnerungskulturelles Projekt“ lautet der Titel des 2019 erschienenen und mittlerweile vergriffenen wissenschaftlich bearbeiteten Werkes, in dem Biografien von 148 Kindern, Jugendlichen, Frauen und Männern in Mecklenburg beschrieben sind, in dem die Zeitzeugen Auskunft geben über das ihnen während der Sowjetherrschaft und unter der SED-Diktatur geschehene Leid und Unrecht. Der Einband ist blau. Blau steht im Christentum für den Traum nach Freiheit, aber auch für Introvertiertheit; ansonsten steht die Farbe für Besonnenheit, Objektivität, Neutralität und Klarheit.

Und um diese Inhalte ging es letztlich auch am Sonnabend im Dömitzer Kulturhaus, wohin Sauermann und die Dömitzer Pastorin Inga Roetz-Millon unter dem Thema“Gesprächsräume eröffnen – Geschichte(n) erzählen“ auf das „Rote Sofa“ zu einer erinnerungskulturellen Veranstaltung eingeladen hatten – auch Menschen, die in dem Buch, das neu aufgelegt werden soll, Auskunft über das Erlebte geben und nun persönlich auf der Kulturhausbühne gaben. Andere Protagonisten kamen in Filmbei-trägen zu Wort. „Um esöffentlich zu machen, damit es nicht vergessen wird und auch die nachfolgende Generation um die Geschichte, die unser Land auch geprägt hat, weiß“, so Sauermann. Die kritische Aufarbeitung seinötig – und vor dem Hintergrund neuerlicher Ausgrenzungen in der Gesellschaft mit Ausprägungen wie Hass und Gewalt höchstaktuell, führte er weiter aus. „An die Stelle von Verfolgung und Schweigen“ mögen imweiteren Diskurs „Respekt und Verstehen“ treten.Sauermanns Botschaft:“Nie wieder!“

So berichtete etwa die mittlerweile in Gartow lebendeAnnegret Hornik von ihren Erlebnissen vom 12. und13. August 1961 beim Mauerbau in Berlin, der Hitzackeraner Torsten Zerbin von der Flucht aus dem Amt Neuhaus: im September 1970 per Gummiboot über die Elbe. Regine Prey aus Ludwigslust, die in einem christlichen Elternhaus aufwuchs, referierte darüber, wie sie die Jugendweihe, die Konkurrenzveranstaltung zur Konfirmation,ablehnte und deshalb letztlich kein Abitur ablegendurfte. Anne Drescher, Historikerin und Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, lieferte zudem eine historische Einordnung in den Gesamtkontext.

Überaus spannend warendie Aussagen der drei eingeladenen Schülerinnen und Schüler einer 9. Klasse der Regionalschule zur Frage,bei welchen Einschränkungen sie für ihre Freiheit kämpfen würden: Nachdem sie erläuterten, dass Freiheit heuteoft als Selbstverständlichekit wahrgenommen werde, nannten sie Einschränkungen beim Wahlrecht, bei derMeinungsfreiehit sowie bei der Wahl des Partners alsMomente, sich aufzulehnen.

Die Diskussion zu dem Thema soll in Dömitz fortgeführt werden. Im Konfirmationsunterricht sowie bei Fahrten werde die Deutsche Teilung stets besprochen, informierte Inga Roetz-Millon. In derGemeinde böte sich – wenn es Corona erlaube – für den Prozess der Erinnerungskultur ein neuerliches „Rotes Sofa“ an.

Übrigens: Das Buch „Biografien politisch Verfolgter und Diskriminierter in Mecklenburg 1945 bis 1990“ ist über Roetz-Millon einsehbar. Jede der 245 mecklenburgischen Kirchengemeinden und deren Einrichtungen verfügen über ein Exemplar.

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