„Ich warte meinen Ferrari selbst“

Interview mit Star-Gitarrist Albert Lee im Stones-Fan-Museum

bv Lüchow. Wir treffen Albert Lee im VIP-Bereich des ­Stones-Museums. Er sitzt entspannt auf der Couch, gegenüber sitzen seine jungen Tourmusiker. Der Ausnahmegitarrist ist 78 Jahre alt – und steht seit genau 62 Jahren auf der Bühne. Er hat schon vor über 100 000 Fans gespielt, gemeinsam mit Eric Clapton, aber er spielt auch vor 260 – wie heute abend in Lüchow. Er hat Millionen von Schallplatten verkauft, er hat zwei Grammys gewonnen. Lee agiert seit über 60 Jahren als gerne gesehener „Musician‘s Musician“ mit zahlreichen Größen und Stars der Branche – darunter Bo Diddley, Joe Cocker, Jerry Lee Lewis, George Harrison, Bill ­Wyman, Dolly Parton, Jackson Browne, Jimmy Page, Emmylou Harris, Eric Clapton, Linda Ronstadt, Leo ­Kottke, Tom Jones und viele andere. Stolz ist er auch auf seine vieljährige Zusammenarbeit mit den Everly Brothers. Fünf Mal wurde Lee zum „Best Country Guitarist“ gewählt. Im Jahr 2010 feierte er bei Eric Clapton‘s Crossroads Guitar Festival sein 50-jähriges Bühnenjubiläum. Lee lebt mit seiner Frau Karen in Los Angeles. Seine Tochter Alexandra ist Opernsängerin und arbeitet gelegentlich mit ihrem Vater zusammen. Museumsdirektor Ulli Schröder setzt sich während des ­Interviews dazu. Lee wirkt tiefenentspannt und antwortet mit leiser Stimme, jede Frage ist ihm in seiner langen Karriere bereits gestellt worden.

Mr. Lee, ich habe bei Google 1,7 Milliarden Einträge gefunden, wenn ich „Albert Lee“ suche. Sie sind eine lebende Legende. Überrascht Sie die Menge?

Albert Lee: Ja, das überrascht mich, aber ich stehe ja auch schon seit über 60 Jahren auf der Bühne.

Wie haben Sie Ulrich Schröder kennengelernt?

Das war 2001. Ich war mit Bill Wyman, dem langjäh­rigen Bassisten der Rolling Stones, auf Europa-Tournee. Ulli war auch dabei.

Ulli Schröder (unterbricht Lee): Da kamen in Österreich eines Abends plötzlich an die 80 Ferrari F-40 aus Deutschland angefahren, in Richtung Maranello, der Klang war unbeschreiblich. Wir sind beide begeistert vom Mittagessen aufgestanden und haben ­Fotos gemacht. Du erzähltest mir, dass du Ferraris auch magst – und auch einen hast.

Lee: Ja, da stimmt. Ich besitze einen Ferrari 250 aus dem Jahr 1961. Die waren damals noch günstig, als ich den kaufte. Heute sind sie teurer. Ich warte, bis meiner im Preis steigt, um endlich in Rente gehen zu können (lacht).

Hat nicht Nick Mason, der Pink-Floyd-Schlagzeuger, den Sie beide kennen, auch so einen?

Lee: Ja, er besitzt einen 250 aus demselben Jahr, allerdings als Rennversion, meiner ist ein Straßenwagen. Seiner wurde auf 50 Millionen Dollar geschätzt.

Ist es nicht sehr teuer, so einen Wagen zu besitzen?

Nein, ich warte ihn selbst.

Sie warten Ihren Ferrari selbst?

Ja! Ich mache die Durchsicht, den Ölwechsel, habe ihn selber getunt. Das ist nicht kompliziert, nur zeitaufwendig.

Sie leben in Los Angeles.

Ja, seit über 40 Jahren.

Warum haben Sie ihr Geburtsland England verlassen?

Ich liebe amerikanische Musik und wollte einfach dort sein. Zu der Zeit empfand ich es, dass ich in den Staaten willkommener war als in ­England. Ich liebe es immer noch, dort zu leben. Aber ich komme gerne zurück nach Europa, um hier aufzutreten.

Genießen Sie es, nach Corona ­wieder live zu spielen?

Ja! Ich habe nie gestoppt. Ich hatte nur weniger Auftritte, wie alle. Ich mag es, dass es wieder losgeht.

Sie spielen bereits zum zweiten Mal in Lüchow. Wie kommt es dazu? Mögen Sie das Wendland?

Ulli hat mich gefragt! Ich liebe es hier. Ich liebe die alten Häuser, fantastisch. Ich spiele öfter in kleinen Orten, nicht nur in den großen Städten.

Wie setzen Sie die Tour fort?

Wir haben jetzt noch zwei Auftritte in Holland, dann fliege ich für eine Woche nach Los Angeles, komme dann wieder und setze die Tour in England fort.

Albert, das ist eine schwere Frage, aber mit wem haben Sie besonders gern gespielt? (Seine drei Tourmusiker hören zu, sie halten sich demonstrativ die Ohren zu und singen, um seine Antwort nicht zu hören, alle lachen).

Oh Gosh! Die besten Bands, mit denen ich gespielt habe, waren nicht meine Band (lacht). Emmylou Harris war toll. Mit den Everly Brothers habe ich 25 Jahre gespielt, das war eine großartige Band. Ich habe mit dem besten Steel-Guitar-Player der Welt, Buddy Emmons, gespielt. Fünf Jahre habe ich mit Eric Clapton gespielt. Mit ihm vor 100 000 Fans aufzutreten und danach in eine Limo zu hüpfen, war schon nett. Und ich habe 14 Jahre mit Bill Wyman von den Stones gespielt! Aber ich mag auch die Auftritte in kleinen Clubs.

Haben Sie noch Kontakt zu Bill Wyman?

Nicht mehr so oft. Er ist ja im Ruhestand, tritt nicht mehr auf, aber er hat mir gerade eine E-Mail geschrieben. Wir mögen uns immer noch.

Ich habe einen Auftritt von Ihnen im WDR-Rockpalast gesehen, auf YouTube. Sie sind immer noch der Virtuose, der Sie immer ­waren. Geht das Alter spurlos an Ihnen vorüber?

Naja, wir werden alle älter. Ich tue trotzdem, was ich kann (lacht).

Denken Sie schon über Ruhestand nach?

Nein, zurzeit noch nicht.

Ulli Schröder: Wir sprechen uns in zehn Jahren wieder!

Albert Lee: ich hoffe, dass ich dann immer noch spielen kann, aber auftreten werde ich dann sicher nicht mehr.

Sie haben als Supergitarrist eine große Sammlung an Gitarren. Welche lieben sie besonders?

Da ist die Les Paul Custom, die mir Eric Clapton geschenkt hat. Und die schwarze Gibson J 200, die für Don Everely gebaut wurde, und die er mir geschenkt hat – 1962. Diese Instrumente nehme ich nicht mit auf Tourneen, das wäre viel zu gefährlich, auf Flughäfen wird so etwas durchaus mal gestohlen. Aber ab und zu spiele ich sie.

Letzte Frage: Sie treten in kleinen Clubs auf, fahren mit einem Tourbus mit Tourmanagerin und drei Mitmusikern. Wie ist das?

Das ist okay. Aber, wie gesagt, es hat auch Spaß gemacht, in den großen Arenen zu spielen. Ich hatte übrigens meinen allerersten Auftritt 1962 in Hamburg: im Top-10-Club! Über die Jahre war ich oft in Hamburg, war jedes Jahr mindestens einmal dort. Ich hatte für sechs Monate mal eine deutsche Band. Das war ein großer Fehler! (lacht). Die wollten nicht, dass ich mit der Gibson spiele, die mir Don Everly geschenkt hat. Ich sollte lieber auf einer Fender spielen! Als sie mich dann hörten, war es dann doch okay (lacht).

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